Berlin, 8. September 2026. Zum heutigen Weltalphabetisierungstag hat eine besondere Jury in Berlin das Wortgetüm des Jahres bestimmt. Erwachsene mit geringer Lese- und Schreibkompetenz entschieden sich für „Zwei-Faktor-Authentifizierung“ – das Wort, das ihnen in jüngster Zeit als besonders sperrig, unverständlich oder hinderlich begegnet ist.
Gerade die für die deutsche Sprache typischen langen, komplexen und abstrakten Wörter – insbesondere aus der Amts-, Medizin- oder Rechtssprache – stellen eine erhebliche Hürde dar. Dabei geht es ausdrücklich nicht um berüchtigte Beispiele wie „Rindfleischetiket- tierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz“. Diese Wörter sind zwar außergewöhnlich lang und komplex, spielen im Alltag jedoch keine Rolle.
„Zwei-Faktor-Authentifizierung“ ist Wortgetüm des Jahres 2026
Rund 6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland haben laut der Studie „LEO 2018“ Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Für sie können Amtsbriefe, Formulare oder Fachbegriffe zu täglichen Stolperfallen werden. Genau diese Erfahrungen brachte die achtköpfige Jury in die Wahl ein. Sie besteht aus Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenswegen, für die Lesen und Schreiben eine Herausforderung darstellt. Sie kommen aus verschiedenen Berliner Lernangeboten, wie dem Lerncafe Spandau https://giz.berlin/projects/lerncafe-spandau.htm, und sind teils ehrenamtlich für die Stiftung Grundbildung Berlin aktiv.
Die Jury hat sich wegen seiner besonderen sprachlichen Komplexität und schwierigen Lesbarkeit für das Wort „Zwei-Faktor-Authentifizierung“ entschieden: Die Länge des Worts (27 Buchstaben und 9 Silben), seine verschiedenen Schreibvarianten, die Bündelung von Fremdwortbestandteilen und sein fachsprachlicher Charakter – all das macht das Wort zur Hürde beim Umgang mit einer Funktion, die eigentlich schützen soll. Teilhabe wird erschwert, besonders für die Menschen, die zusätzlich nicht technikaffin sind.
Die Mitglieder haben sechs Wörter aus der Vorauswahl gründlich geprüft und engagiert diskutiert. Dabei wurde deutlich, dass viele dieser Wörter von Betroffenen als sprachliche „Türsteher“ wahrgenommen werden – sie versperren ihnen Zugänge, die anderen offenstehen.
In einem geheimen Wahlverfahren konnte jedes Mitglied zwei Wörter auswählen. Das Ergebnis war eindeutig: Das Wort „Zwei-Faktor-Authentifizierung“ erhielt 6 von 16 Stimmen (maximal 8 von 16 wären möglich gewesen) und setzte sich damit gegen die übrigen Vorschläge durch.
Die Vorauswahl traf das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) auf Basis umfangreicher Textanalysen. Dabei wurden besonders komplexe und zwischen 2025 und 2026 häufig verwendete und klar alltagsrelevante Begriffe identifiziert.
Es ging – wie im vergangenen Jahr – um sprachliche Hürden, nicht um inhaltliche Aspekte. „Wir vertrauen die Wahl des Wortgetüms echten Expert*innen an: Menschen, denen lange und komplizierte Wörter das Leben schwer machen“, so die Initiator*innen der Aktion. „Mit dem Wortgetüm des Jahres wollen wir sichtbar machen, wie Sprache Barrieren schafft – und gleichzeitig ein Zeichen für Teilhabe und Selbstbestimmung setzen.“
Die Aktion ist eine gemeinsame Initiative der Berliner Alpha-Bündnisse, der Stiftung Grundbildung Berlin und des DWDS an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Ihr Ziel: Sprachbarrieren ins öffentliche Bewusstsein rücken – und Betroffenen eine starke Stimme geben. Die Aktion findet seit 2025 statt.
Kontakt:
Julia Naji (Alphabündnis Spandau)
julia.naji@giz.berlin